Ein aussergewöhnliches Tiny House: Die erste Ecocapsule in der Schweiz

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Eine ungewöhnliche Unterkunft - ein mutiges Projekt!

Ungewöhnliche und ausgefallene Unterkünfte liegen im Trend. Und es entstehen immer wieder neue aussergewöhnliche Möglichkeiten zum Übernachten. Die Ecocapsule kann bestimmt dazu gezählt werden. Sie ist ein Tiny House, das es in sich hat:

Energieautark –  einmalig im Design und momentan das einzige europaweit. 

Hier erfährst du, was genau die Ecocapsule kann und das Interview, mit dem Hauptinitanten Urs Zuberbühler, bringt einige spannende Hintergründe ans Licht.

Inhalt:

Stell dir mal vor: Du kommst nach einem anstrengenden Arbeitstag nach Hause und sehnst dich nach einer warmen – noch besser heissen Dusche!

Nicht nur fünf Minuten, nein lieber bis das ganze Badezimmer dampft.

Nach dem Duschen freust du dich auf das Schwingen der Kochkelle, zauberst ein aufwändiges Menu auf den Tisch und bist dankbar und glücklich.

Schön, oder?
Und wahrscheinlich fällt dir diese Vorstellung auch gar nicht so schwer, da dies ab und zu die Realität ist.

Stell dir mal vor: dass das obengenannte nicht möglich ist!

Deine Energie-App meldet dir, dass deine hauseigenen Solarpanels heute zu wenig Strom produziert haben, deine hausinterne Windanlage wegen Windstille auch nur einige Watt in den Speicher eingespeist hat und tja – leider befinden sich nur noch wenige Liter aufbereitetes Regenwasser in deinem Tank.

In dem Fall heisst es: Nur ganz kurz und höchstens lauwarm duschen – nur was Kleines kochen und ganz wichtig! Du bist trotzdem dankbar, glücklich und:
Du hast vor allem nur das gebraucht, was dir zur Verfügung steht!

Hier geht es direkt zum Interview mit Urs Zuberbühler.

Beim Geld sehe ich immer, wie viel ich gerade noch im Portemonnaie habe und mir zur Verfügung steht. Die Energie ist unsichtbar und wir sehen das nicht. Deshalb konsumieren und konsumieren wir, ohne uns zu hinterfragen! Aber beim Geld läuft es ja eigentlich auch in diese Richtung... leider.

Urs Zuberbühler

Rein theoretisch könnte dir das passieren! Und zwar, wenn du in der ersten Ecocapsule der Schweiz übernachtest.

«Aber soweit lassen wir es nicht kommen», meint ein schmunzelnder Urs Zuberbühler. «Wir werden gut zu unseren Gästen schauen und diese spezielle Übernachtung soll allen in bester Erinnerung bleiben.»

Die Ecocapsule der Schweiz ist energieautark. Das heisst, sie braucht kein Strom und Wasser von aussen.
Die Ecocapsule der Schweiz ist energieautark. Das heisst, sie braucht kein Strom und kein Wasser von aussen.

Huhn oder Ei – was war zuerst?

Die Frage: Ob das Huhn oder das Ei zuerst war, dürfte mit der neuen Ecocapsule trotzdem neu diskutiert werden! Denn eines ist klar:
Dieses autarke Wunder-Ei hat es faustdick hinter und in der Schale!

Ich  durfte mit Urs Zuberbühler, dem Hauptinitianten über das einmalige und aussergewöhnliche Entwicklungsprojekt des kleinen Berner Oberländer Bergdorfes Guttannen sprechen, und seine Aussagen sind spannend und machen Mut.

plan der ecocapsule, tinyhouse schweiz
Alles vorhanden in der Ecocapsule - auch wenn es für längeres wohnen eng ist.

Interview mit Urs Zuberbühler, Hauptinitiant des Microhome von Guttannen / BE

Kurs-Natur: Urs, erklär uns bitte kurz, was genau die Ecocapsule ist.

Urs: Die Ecocapsule ist ganz einfach gesagt ein Microhome oder Tinyhouse – aber ein spezielles, denn es kommt komplett ohne den Anschluss an Strom- und Wasserleitungen von aussen aus.

Strom gewinnt das Haus aus den Solarpanels auf dem Dach und einer ausklappbaren Windturbine.
Das Wasser wird vom Regen gesammelt und geht gefiltert und in Trinkwasserqualität in einen Wassertank.

Das WC ist eine Trockentoilette. Urin und Kot werden getrennt. Die festen Stoffe werden dadurch getrocknet und können grundsätzlich kompostiert werden – geruchsneutral versteht sich!

Mit Küche, Bad und der Möglichkeit für zwei – sich gernhabende – Personen zu übernachten, ist die Ecocapsule ein wirklich energieautarkes Tinyhouse, das ganz einfach irgendwo in der Natur aufgestellt werden kann.

Wir in Guttannen nutzen die Ecocapsule als nachhaltiges und ökologisches Ferienhaus und bieten damit eine einzigartige Übernachtungsmöglichkeit in unserem Dorf.

Kurs-Natur: Wie kommt ein kleines Bergdorf mit 250 Einwohner*innen auf diese spezielle und ausgefallene Idee?

Urs: Ein Dorf wie Guttannen (siehe Kasten) hat zwei Möglichkeiten:
Entweder jammern und im Selbstmitleid ertrinken oder aktiv werden.

Wir haben uns für die zweite Variante entschieden und versuchen mit dem Verein „Guttannen bewegt“ auf die Situation in unserem Ort aufmerksam zu machen und uns dementsprechend zu bewegen.

In den letzten Jahren hatten wir im Dorf mit viel negativen Schlagzeilen zu kämpfen:

  • Wegen zu geringen Schülerzahlen wurde die Schule auf Geheiss des Kantons geschlossen – wir haben daraus eine Privatschule gemacht und konnten den Standort behalten.
  • Der auftauende Permafrost in den Bergen bringt Murgänge mit sich und gefährdet unser Dorf. Es wurde sogar von einer Umsiedlung gesprochen. 
  • Und wir sind in unserem Dorf stark von der Abwanderung und Überalterung betroffen.

Wir finden: Es reicht, das ist genug Negativität!
Guttannen ist ein wunderbarer Lebensort mit vielen netten Menschen. Die Gastfreundschaft ist gross und für uns alle sehr wichtig. Die Natur lädt zum Verweilen und für Ferien ein!

Mit unserem Entwicklungs-Projekt möchten wir deshalb auf mehrere Punkte aufmerksam machen. 

Einerseits wollen wir Gäste einladen und ihnen die Möglichkeit geben, diesen schönen Ort kennen zu lernen, andererseits wollen wir auf den Klimawandel aufmerksam machen und die Leute sensibilisieren … (kurze Denkpause) … und wunderbar wäre es, wenn sich die eine oder andere Familie hier niederlässt.

Guttannen bewegt

Der aus einer gemeindeeigenen Initiative im Jahr 2019 gegründete Verein «Guttannen bewegt» hat sich zum Ziel gesetzt mit verschiedenen Angeboten eine zukunftsorientierte und nachhaltige Gemeindeentwicklung zu unterstützen.

Das 250 Einwohner*innen zählende Bergdorf am Grimselpass kämpft mit vielseitigen Problemen. Einerseits sind die Abwanderung und Überalterung im Dorf ein grosses Thema, aber auch die negative Berichterstattung der letzten Jahre beunruhigt das kleine Bergdorf.

Da möchte der Verein ein Zeichen setzen – respektive sich bewegen.

Die Wertschöpfung soll gesteigert und den negativen Berichterstattungen sollen mit guten Projekten entgegengehalten – sogar in positive Berichte umgemünzt werden.

Durchreisende und Interessierte möchten wir einladen, im Dorf einen Zwischenstopp einzuschalten, die Gastfreundschaft der Bevölkerung und die schöne Natur ebenso kennen zu lernen wie die Thematik des Klimawandels und seine Folgen für ein Schweizer Bergdorf. 

Weitere Infos zum Verein «Guttannen bewegt»

Kurs-Natur: Das finde ich eine bemerkenswerte und gute Einstellung!
Aber ich verstehe immer noch nicht, wie ihr gerade auf die Ecocapsule kommt. Es könnte auch eine Jurte oder ein Gebäude aus Guttannen-Holz sein?

Urs: Ich habe bereits vor Jahren von diesem Projekt aus der Slowakei gehört und habe dieses aus der Ferne stets mitverfolgt. Ja und irgendwie hat mich dieses Projekt einfach nicht mehr losgelassen.

Als wir dann im letzten Jahr bei uns den Verein „Guttanten bewegt“ gegründet haben und da das Thema Klimawandel und nachhaltige Entwicklung im Fokus standen, dachte ich mir:

„Jetzt oder nie, ich muss dieses Projekt der Gruppe vorstellen.“

Und nun sind wir Besitzer der ersten Ecocapsule in der Schweiz und freuen uns riesig, dass in Zukunft Gäste zu uns ins Dorf kommen und aussergewöhnlich übernachten werden.

Kurs-Natur: Aber sind wir ehrlich, dieses Microhome passt nicht wirklich in euer Dorfbild.

Urs: Natürlich ist die Ecocapsule wie eine Faust auf dem Auge – ein Kontrapunkt – im ganzen Dorfbild.

Aber genau das macht es spannend. Wir können den Leuten gegen aussen sagen:

„Hier gibt es ausgefallene Ideen und Einzigartiges zu entdecken – kommt bei uns vorbei übernachtet energieautark und macht euch eure eigenen Gedanken dazu. Es lohnt sich.“

Und wir dürfen dadurch natürlich von viel positiver medialer Präsenz und einer grossen Portion Wohlwollen profitieren. Aber damit haben wir in diesem Ausmass gar nicht gerechnet. Eine positive Nebenerscheinung, die uns natürlich sehr erfreut.

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Kurs-Natur: Und die Bevölkerung von Guttannen steht geschlossen hinter diesem Projekt?

Urs: Grundsätzlich schon – aber hier wissen wir mehr, wenn wir die erste Saison erlebt haben. Das ganze Dorf wird sicherlich viel lernen und zusammenrücken.

Ich sage den Menschen hier immer: Wir haben nichts zu verlieren! Unser Dorf ist vom Aussterben bedroht, also braucht es kreative Ideen, wir müssen mutig sein.

Kommt dazu, dass wir mit diesem Symbolprojekt keinen Massentourismus anziehen werden und plötzlich Horden von Menschen hier stehen. Es sind ja maximal zwei Personen pro Nacht und das bedeutet, dass es eher ruhig bleiben wird.

Im Weiteren gibt es zu jeder Übernachtung einen Gutschein, der im Restaurant oder Dorfladen einlösbar ist. So möchten wir auch ein bisschen Wertschöpfung generieren und das bringt allen im Dorf nur Vorteile.

Natürlich gibt es aber wie überall auch die Skeptiker. Und die braucht es, damit man sich alle Schritte gut überlegt und achtsam vorwärts geht.

Lust auf eine besondere Übernachtung in der Ecocapsule?

Kurs-Natur: Ich habe irgendwo gelesen, dass diese Ecocaspule CHF 80’000 kostet. Wie habt ihr dieses Geld aufgebracht?

Urs: Wir haben das Glück, dass uns jemand ein zeit- und zinsloses Darlehen zur Verfügung stellt und mit dieser Sicherheit konnten wir das Projekt auch relativ schnell und ohne Druck umsetzen.

Unser Ziel ist es, dass wir das Geld so rasch wie möglich zurückzahlen. Dazu haben wir momentan ein Crowdfunding-Projekt am Laufen. Und dann erhoffen wir uns schon die eine oder andere Übernachtung, damit wir innerhalb einiger Jahren das Darlehen abzahlen können. 

Kurs-Natur: Wie sieht es mit den Wartungskosten aus?

Urs: Da lassen wir uns ein bisschen überraschen! Grundsätzlich ist die Kapsel absolut wartungsfrei. Das relativiert auch die Kosten wieder. Ein hoher Anschaffungspreis – aber nachher günstig im Unterhalt.

Doch wir dürfen nicht vergessen, das Microhaus verfügt über ein unglaublich hochtechnologisches Know-how und über ein ausgeklügeltes System, damit auf so engem Raum alles möglich ist.

Da könnte schon auch mal etwas kaputt gehen oder auch noch eine Kinderkrankheit zum Vorschein kommen.

Doch die Architekten und Ingenieure sind seit Jahren am Testen und Bauen von Prototypen. Ich vertraue denen voll und ganz und bin überzeugt, dass wir viel Freude mit unserem Ferienhaus der speziellen Art haben werden.

Kurs-Natur: Was waren die grössten Herausforderungen, auf dem Weg bis hierher?

Urs: Die grösste Herausforderung steht uns eigentlich noch bevor! Wir haben trotz aller Abklärungen und grösster Sorgfalt nicht damit gerechnet, dass wir die Ecocapsule nur 90 Tage im Jahr auf öffentlichem Grund stellen dürfen.

Das Raumplanungsgesetz gibt uns das so vor.

Grundsätzlich finde ich es ja gut, gibt es solche Gesetze und stehen nicht überall wild irgendwelche Häuschen und Hüttchen in jedem Garten. Aber wenn man selbst davon betroffen ist, kann man sich schon über diese Gesetze ärgern.

Kurs-Natur: Gibt es da keine Möglichkeiten oder Ausnahmen?

Urs: Das sind wir jetzt am Prüfen und Abklären. Die Idee war, dass wir eine Campingzone beantragen für das Stück Land, wo die Kapsel drauf steht – leider negativ. Wir in Guttannen sind in einer Lawinenzonen und in Lawinenzonen dürfen keine Campingzonen eingerichtet werden.

Jetzt ist das Kantonale Amt angefragt und wir warten und hoffen auf deren Bescheid.

Kurs-Natur: Das sind keine erfreulichen Nachrichten! Was macht ihr denn, wenn das mobile Ferienhaus nur eine Bewilligung für 90 Tage erhält?

Urs: Es gibt schon Ideen. Das Interesse an der Ecocapsule ist gross, so könnten wir uns gut vorstellen, diese anderweitig zu vermieten und so einerseits Werbung für die Idee dahinter, als auch für unsere Gemeinde zu machen.

Wir werden sehen und sind gespannt, wie sich das alles entwickelt.

Belohnen und buchen!

Kurs-Natur: Lieber Urs, ich danke dir ganz herzlich für deine offenen und ehrlichen Ausführungen. Es ist sehr spannend und in der Tat aussergewöhnlich, wie ihr in Guttannen auf eure Situation aufmerksam macht und reagiert.

Kreativität ist gefragt – und ihr geht mit gutem Beispiel voran. Eine verrückte und nicht alltägliche Idee für ausgefallenes Übernachten!

Meine Meinung ist: Solche Ideen muss man fördern und deshalb wirst du mich bestimmt einmal in der Ecocapsule antreffen.

Ich wünsche dir und der ganzen Gemeinde viel Erfolg mit dem Projekt.

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